Donnerstag, 12. April 2012

Zwischen zwei Welten



Ostern ist vorbei. Und damit wieder ein Familientreffen. Zugegeben, das heisst bei mir nicht viel. Drei Großeltern, zwei Elternteile, mein Freund und ich. Trotzdem gab es großes Drama. Und wie jedes mal, wenn ich daheim war in der provinziellen Kleinstadt irgendwo in der sächsischen Pampa, fühle ich mich ausgesaugt, schwach und leer.

Und das liegt nicht nur daran, dass mein Selbstbewusstsein nach vier Tagen "Heimat" tief auf dem Boden ist. Es ist ja auch nicht so, als würde meine Familie es wirklich böse meinen. Aber ich merke: Mein Leben in der Universitätsstadt, mein Leben im Internet, in sozialen Netzwerken, mein Studium, meine Ziele und meine Ansichten von der Zukunft lassen sich einfach nicht vereinbaren mit den Besuchen daheim.

Es ist so: Ich stamme aus der Arbeiterschicht. Geringe formelle Bildung, konservative Werte, NPD-nahe politische Einstellung, Rassismus, Sexismus, das volle Programm. Das klingt schlimmer als es ist. Es steht nur in krassem Gegensatz zu der Umgebung, in der ich mich sonst bewege.

Aber auch in dieser fühle ich mich nicht heimisch. Ich bewege mich nicht mit derselben Selbstverständlichkeit wie meine Kommilitonen aus Akademikerfamilien zwischen Modulbeschreibungen, Seminaren und Hausarbeiten. Ich fühle mich nicht heimisch, ich bin unsicher, und meine Eltern könnten mir im Zweifel nicht mal helfen. Die wissen nicht mal, was ich studiere.

Ich sitze zwischen den Welten. Daheim werde ich nicht ernstgenommen. Ständig werden mir Stellenanzeigen für Hilfsarbeiterjobs unter die Nase gehalten, "damit ich endlich auch mal Geld verdiene". Ich muss mich für alles, was ich tue rechtfertigen, und alles erklären.Zugehört wird mir trotzdem nicht. Das schlaucht, emotional. Ostern hatte ich einen anständigen Zusammenbruch, weil ich diese Art der Gesellschaft einfach nicht gewohnt bin.
In der Uni bin ich aber auch nicht daheim. Ich weiß nicht, wie man Hausarbeiten und Essays schreibt, und wo da der Unterschied liegt. Wie man sich in Seminaren verhält. Netzwerkt. Ich habe eine riesige Angst vor meinen Professoren. Und die meisten meiner Kommilitonen mag ich nicht, und sie mich nicht.

Ich muss mir meinen Weg dazwischen suchen, zwischen Großraumdisko und Metalclub, alten Frauenbildern und meinem eigenen Anspruch, kompletter Internetablehnung und Online-Fame, Handwerklicher Ausbildung und Hauptseminar, dem Wunsch meiner Eltern mich selber zu versorgen und meinem Wunsch Master zu machen.

Ich stehe da, und weiß nicht weiter.


Yeah, xx

Kommentare:

  1. Darf ich fragen, was du studierst?

    Ich finde es schwer nachzuvollziehen, dass es da eine objektive kulturelle Diskrepanz zwischen dir und dem universitären Umfeld gibt und frage mich, ob dein Studiumsfach vielleicht irgendwie prätentiöser ist, als das was ich kenne.

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    1. Soziologie und Kommunikationswissenschaft. Ich weiß selber nicht woran es liegt, ich trage ja keinen Aufkleber mit "Arbeiterkind". Ich denke, es liegt eher an meiner Unsicherheit, dass sich niemand wirklich mit mir beschäftigen will ^^"

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    2. Schwer zu sagen, aber intuitiv würde ich auch sagen, dass das zum Teil eine selbsterfüllende Prophezeiung ist.

      Bis auf die NPD-nahe Einstellung vielleicht, würde ich sagen, kommen wir wohl etwa aus der gleichen gesellschaftlichen Schicht. Mein erster Schulabschluss war darüber hinaus ein Hauptschulabschluss und ich habe einen sehr ungradlinigen Weg bis zu meinem Studium hingelegt. Trotzdem kann ich wirklich nicht behaupten, dass ich das Gefühl hatte, kulturell nicht genug - oder auch nur anders - gebildet gewesen zu sein.

      Solche Sachen lassen sich schwer übertragen, aber ich hatte in meinen Vorlesungen auch immer den Eindruck, dass ich besonders schlecht wäre und bei allem was ich so mache besonders dämlich wäre und viele elementare Dinge nicht begreife. Aber dieser intuitive Eindruck war immer falsch. Jedes Problem, dass ich hatte hatten mindestens 50% meiner Kommilitone auch. Ich habe dann aufgehört auf meine Inutition zu Vertrauen, wenn es um meine Selbsteinschätzung geht; es ist eine furchtbar schlechte Heuristik eben.

      Es überrascht mich allerdings, dass du keinen Anschluss findest. Mir ist es in meinem Leben noch nie gelungen irgendwo Anschluss zu finden. Die einzige Sache von der ich ziemlich überzeugt bin, an der untersten Stelle zu stehen, ist meine Sozial-Kompetenz. Ich weiß nicht, ob du ähnliche Persönlichkeitsprobleme mit dir herumschleppst wie ich, aber falls nicht, wünsche ich dir, dass sich das mit der Zeit vielleicht von alleine gibt. Ich vermute (kann das allerdings nicht wirklich beurteilen) im universitären Alltag ist es ohnehin schwer Beziehung aufzubauen, weil es ja eben dort keine wirklichen stabilen sozialen Strukturen gibt (wenn man nicht gerade in der Fachschafft und ähnliches ist).

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    3. Vermutlich ist es wirklich eine selbsterfüllende Prophezeihung. Ich muss aber auch sagen, ich bin gar nicht so scharf auf viel Kontakt zu anderen Studierenden, bin nicht so der Bussi-Bussi-Smalltalk-Mensch.

      Mir geht es da auch ähnlich. Ich habe zwar eigentlich ganz vorzeigbare (Klausuren) bis sehr gute (mündliche Prüfungen) Ergebnisse, fühle mich aber trotzdem immer wie der größte Idiot im Raum, der nix versteht. Dazu kommt noch, dass ich relativ niedriges Selbstvertrauen habe, was Diskussionen angeht. Vermutlich unbegründet. Ich hatte nur eine sehr unangenehme Schulzeit, daraus resultieren eben heute einige persönliche Probleme, auch wenn ich das meiste in den Griff bekommen habe. Meine Unsicherheit kommt daher, das mir immer gesagt wurde, ich wäre hässlich und niemand interessiert sich für mich. Und nach 3, 4 Jahren habe ich dann selber angefangen, das zu glauben.

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  2. Ich glaube ich weiß ungefähr was du meinst. Meine Eltern stammen aus der Arbeiterschicht und haben sich mit viel Mühe, Blut und Schweiß in die obere Mittelschicht hochgeschuftet. Jetzt sind sie mit vielen Leuten befreundet deren Familie schon seit Generationen studiert und sind total stolz, dass ihre Tochter die erste ist die es aus unserer Familie "geschafft" hat.
    Es ist ja schön dass sie stolz sind, aber irgendwie ist es etwas befremdlich wenn das Gesprächsthema (vor allem in gemischter Runde Familie+Freunde) auf mein Studium kommt. Die einen wollen sofort Fachgespräche mit mir führen (Hilfe! Ich bin Zweitsemster!) und die anderen fragen ganz vorsichtig was man denn mit einem geisteswissenschaftlichen Studium so "vernünftiges" machen kann.
    Ich habe also von allen Seiten irgendwie Druck etwas außergewöhnliches zu machen. Bei den einen weil sie es erwarten und bei den anderen damit sie aufhören mich irgendwie als Fachidioten anzusehen.

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  3. Viele von deinen Punkten kommen mir ziemlich bekannt vor. Ich habe da zumindest eine Teil-Lösung gefunden. Sie hat für mich funktioniert, aber das heißt natürlich nicht, dass sie für irgendjemand anderen funktioniert. Und sie ist ziemlich radikal. Gerade wenn Du nicht der Typ bist, der schnell irgendwo Anschluss findet. Aber für deinen Seelenfrieden und deine Zufriedenheit mit dir selbst kann es viel helfen.

    Wenn man kritisiert wird, ist der erste Schritt natürlich der, darüber nachzudenken ob und inwieweit das berechtigt ist. Das kann durchaus sein. Manche Leute haben einen klareren Blick auf dich als Du selbst. Und kritisieren dich, weil sie dir helfen wollen. Aber das ist nicht immer so. Die meisten Leute kritisieren nicht, um zu helfen, sondern weil es sie stört, dass Du mit ihrem Weltbild kollidierst. Du kannst versuchen mit ihnen zu diskutieren und sie von deiner Meinung zu überzeugen. Hab ich auch versucht. Aber wer sich so sehr an deinen Überzeugungen stört, der hat selten Lust seine eigenen zu überdenken. Leute mit ernsthaftem Potential zum Umdenken und zur Weiterentwicklung, kritisieren nicht ständig Leute, die ihnen nicht in den Kram passen. Manche Leute verschwenden ihr ganzes Leben auf der Suche nach dem einen Spruch, dem einen Argument, dem einen sarkastischen Kommentar, der die Köpfe dieser Leute um 180° verdrehen wird, sie dazu bringen die Dinge mal aus deiner Sicht zu sehen, dir Recht zu geben und ihre Meinung zu ändern... oder auch nur in Zukunft deine Standpunkte einfach zu akzeptieren.
    Aber soll ich dir was verraten? Dieser Spruch, dieses Argument, diesen Kommentar... die gibt es nicht. Und wird es auch nicht geben. Menschen haben nur ein sehr begrenztes Potential sich zu ändern, zu wachsen, zu reifen. Darauf zu hoffen ist wie darauf zu warten, dass ein Bonsai die 1-Meter-Marke knackt. Es wird nicht passieren, zumindest solange man keinen Dünger benutzt der im Dunkeln leuchtet und unentwickelte Fotos ruiniert.
    Und bei solchen Menschen gibt es im Grunde nur noch eine Lösung, nämlich die Machete. Man schlägt sie ab, entfernt sie aus seinem Leben. Ich habe selbst viel zu lange gebraucht um das zu begreifen, aber Familie an sich hat keine Bedeutung. Ein Mensch darf dich nicht anders behandeln, nur weil er zufällig eine Eizelle oder Spermie für deine Entstehung gesponsort hat. Genauso hat Niemand irgendwelche Sonderrechte dich schlecht zu behandeln, nur weil er aus dem selben Uterus gekrochen kam. Dass er früher jahrelang nett zu dir war, ist keine Entschuldigung. Wenn man sich mit Freunden auseinanderlebt, dann akzeptiert man das ja auch und hält nicht manisch Kontakt mit ihnen. Das sollte nicht anders sein, nur weil man ein bisschen genetisches Material gemein hat.

    Such Dir Leute, in deren Gesellschaft Du dich wohl fühlst. Das ist nicht gleichbedeutend damit, Konflikten einfach aus dem Weg zu gehen. Es geht darum zu erkennen, welche Schlachten Du im Voraus verloren hast... und sie dann gar nicht erst zu schlagen. Eine Schlacht zu schlagen, bei der Du nichts gewinnen kannst, ist Irrsinn. Du kannst ein Massaker anrichten oder selbst eine Klinge in den Magen bekommen. In beiden Fällen hast Du nachher Bauchschmerzen. Und am Ergebnis hat sich nichts geändert.
    Ich bin mir grad nicht sicher ob das der goldene Fettwanst der Buddhisten oder der alte Chinaböller Lao Tse gesagt hat aber: "Erkenne was dich voranbringt, und was dich hemmt.". Damit ist auch keine darwinistische Auslese oder gar die Einstufung von Bekannten nach Nützlichkeit gemeint. Sondern dein Leben so auszurichten, dass es DICH zufrieden stellt. Das ist nämlich deine Aufgabe. Das kann nicht dein Freund für dich tun, nicht deine Mutter und auch nicht dein Dealer. DU musst dafür sorgen, dass Du dich gut fühlst. Und in diesem Zusammenhang lässt sich das auf nur einen Ratschlag runterbrechen: "Leute die dir ständig ein schlechtes Gefühl geben, sind deine Zeit nicht wert."

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  4. ArmedWombat hat es auf den Punk gebraucht, aber ich gebe trotzdem nochmal meinen Senf dazu.

    Auf jeden Fall ist es normal, dass man nur mit höchstens einem Prozent der Komilitonen Freundschaftspotenzial hat und es dauert, bis man die Leute mal kennen lernt. Ich habe in meinem ersten Semester zwei Personen getroffen, mit denen ich mich auch nur passabel unterhalten konnte.

    Und in Sachen Familie hat ArmedWombat zwar auch recht, das Problem ist nur, dass du finanziell abhängig von ihnen bist und ich denke auch nicht, dass du sie ganz und gar in den Wind schießen willst.
    Was du aber tun kannst, ist den Kontakt zu verringern. Indem du selterner zu Besuch kommst, Hausarbeiten vorschiebst oder soetwas.
    Und wenn höfliche Distanz nicht funktioniert, dann sei du selbst. Das ist die Taktik, die ich gerade bei meinen zukünftigen Schwiegereltern verfolge, weil ich keinen Bock mehr hatte, nett zu sein. Ich erzähle meine Witze, auch wenn ich weiß, das die Sarkasmus nicht lustig finden, ich sage, dass Gallileo schlechte, niveaulose Beiträge sendet, auch wenn es gerade in Fernsehn läuft und scheinbar interessiert verfolgt wird. Weil es stimmt, aber vor allem, weil ich mich so besser fühle und nichts in mich hinein fresse.
    Ich habe allerdings auch in den letzen Jahren ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein entwickelt und von der Zeit davor noch reichlich Frust übrig.
    Ich studiere übrigens auch Soziologie und bin bei meinem ersten Essay hysterisch geworden, weil ich einfach nicht wusste, was ich da tun sollte.
    Glücklicherweise hat meine Mutter studiert und mein Stiefvater ist Künstler, von der Seite fehlt es also nicht an tolleranz...
    Ich weiß nicht, ob es dir irgendwas nützt, was ich hier geschrieben habe, aber ich hoffe - nein ich wette, dass du die Kurve kriegst und verdammt glücklich wirst. Du klingst nämlich nach einer starken Frau. Du musst dir dessen nur noch klar werden.

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  5. Hab ich eigentlich schonmal erwähnt, wie sehr ich euch (= die Leute, die hier aktiv mitlesen) eigentlich mag? Ihr seid toll <3 Ich versuche, eure Ratschläge zu beherzigen. Derzeit hab ich eh nicht viel Lust auf "zu Hause".

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  6. Oh jee. Irgendwie kommt mir das so bekannt vor. Ich habe auch Soziologie studiert und kam mir auf Grund meiner Herkunft immer blöder vor als alle anderen. Verstärkt bei mir noch deswegen, weil im Modul Sozialstrukturanalyse mehr oder weniger gesagt wurde 'Wenn der Vater Arbeiter ist, dann wird das Kind auch nicht mehr' (und sowas haben dann auch viele geglaubt)... Kurz: Ich hab im gesamten Soziologiestudium eigentlich nie wirklich Freunde gefunden. Zum Glück wars nur mein Nebenfach, im Hauptfach sieht es ganz anders aus ;)

    Was ich mir noch vorgenommen habe: Ich werde mich wohl bei der Aktion 'Arbeiterkind' engagieren. Dann kann ich zumindest anderen helfen. Ist ja nicht so, dass es von uns nicht doch welche an der Uni gäbe :)

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