Montag, 7. Januar 2013

Amok

Ich habe sehr lange überlegt, ob ich überhaupt etwas dazu schreiben soll. Deswegen kommt dieser Artikel vielleicht verspätet, vielleicht auch gerade richtig, ich weiß es nicht. Es geht um Amokläufe. Um die Täter, um ihre Gründe, und was ich damit zu tun habe.

Immer wieder gibt es sie. Amokläufe. Ich spreche nicht von den Tätern, die sie als Opfer gefühlt haben oder einfach aus Spaß Menschen umgebracht haben. Ich spreche von den Tätern, die gemobbt wurden, ausgegrenzt wurden, und selbst einmal Opfer waren.

Ich will die Taten nicht schönreden. Menschen töten ist nicht okay, zur großen Überraschung aller. Es ist scheisse, es ist ungerecht, und es leiden immer auch Unschuldige darunter. Das will ich auch gar nicht in Frage stellen. Was ich gerne ansprechen will, ist meine eigene Sympathie, die ich für manche Täter von Amokläufen hege. Ich erwarte von niemandem, dass er oder sie meine Ansicht teilt oder versteht. Das ist ein privater Post, damit ich selber meine gemischten Gefühle einordnen kann.

Ja, ich kann Amokläufer verstehen. Ich war selber kurz davor. In meinen Gedanken bin ich heute noch manchmal da. Ich kann mich genau daran erinnern, als ich in der 7. Klasse sterben wollte. Und ich wollte nicht nur sterben, ich wollte möglichst viele von meinen Mitschülern mitnehmen. Viele von denen, die mir mein Leben unerträglich gemacht haben. Die nicht mit mir geredet haben, sondern über mich. Die mich verprügelt haben, mich angespuckt haben, sich ein lustiges Spiel daraus gemacht haben, mich zu quälen. Die mich als "Es" bezeichnet haben, und die "infiziert" waren, wenn sie mich angefasst hatten. Die nie mit mir gesprochen haben. Wenn ich mehr Mut gehabt hätte, oder die Chance, irgendwoher eine Waffe zu bekommen, ich hätte es getan.


Ich kann die Amokläufer der letzten Jahre verstehen. Vielleicht nicht alle, aber zumindest die von den Personen, die wie ich gemobbt wurden. Diejenigen, die keinen anderen Ausweg sehen konnten. Was soll man schon tun? Die Mitschüler quälen dich, die Lehrer sind froh, dass es nicht sie selbst trifft, deine Eltern glauben dir nicht. Du hast keine Freunde, keine Gesprächspartner, niemanden, der dir glaubt. Nicht Videospiele machen einen zum Killer, sondern die reale Welt.

Und heute? Heilt die Zeit alle Wunden? Keine Ahnung. Einen Großteil meiner depressiven Phasen schiebe ich auf die Zeit, in der ich gemobbt wurde.

Mit großem Ekel musste ich verfolgen wie mein Klassenlehrer, der das Mobbing befeuert hat, um nicht selbst Opfer zu werden und jegliche Probleme geleugnet und auf mich selbst geschoben hat, die Auszeichnung meiner Heimatstadt für besondere Verdienste erhalten hat. Japp, derselbe Mensch, der mich mal eine Stunde lang an der Tafel hat stehen lassen, und reihum alle gefragt hat, was an mir denn so schlimm ist. Derselbe Lehrer, der weggeschaut hat, als ich mit blutiger Nase im Unterricht saß. Der mir einen Verweiß gegeben hat - weil ich den Klassenfrieden gestört habe.

Meine ehemaligen Mitschüler arbeiten bei McDonalds, studieren, haben Kinder, sind verheiratet. Keiner erinnert sich an mich, vermute ich einfach mal. Kein Schuldbewusstsein, warum auch? In der 10. Klasse war ich vom einen auf den anderen Tag weg, andere Schule.







Kommentare:

  1. Es ist eben nur einer dieser wenigen Auswege die man da hat, entweder halte ich meine Fresse. Fresse alles in mich hinein und gehe daran irgendwie kaputt und mit etwas Glück, kann ich es Jahre später, wenn ich einen dieser Peiniger bei MCDoof sehe in eine Stärke umwandeln.
    Bei vielen ist das nicht so, sie gehen dran zu Grunde und bringen sich selber um, damit es ein Ende hat, andere wieder bringen ihre Peiniger um. Dann ist man die zwar los, aber auch gefangen. Ich denke aber, dass das Gefühl dieser Befreiung von den Peinigern, die Rache an ihnen, es wohl einigen wert ist.
    Wieso auch nicht? Alles ist besser als diese schier unendliche Peinigung....
    Ich will nicht behaupten, dass ich eine Sympathie für sie hege, aber solche Gründe kann ich schon nach vollziehen.
    In einer Art und Weise ist es Selbstverteidigung: Mach kaputt, was dich kaputt macht.

    Denn nicht immer hat man die Möglichkeiten einfach die Schule/ den Ort zu wechseln..
    Und wie ging das mit dem amerikanischen Mädchen aus? Mobbing via Facebook! Da ist der Ort doch egal.
    Was bin ich froh, dass es das damals nicht gab!
    Es war auch so schon schlimm genug in der Mülltonne zu sitzen, ein Photo auf Facebook davon - für alle Ewigkeit- Nein, Danke.

    Fühl dich gedrückt!!

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  2. Oder man ist und bleibt einfach stark. Wenn man gemobbt wird, gibt es nicht nur "ich töte mich" oder "ich töte alle anderen und dann mich".

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  3. Seit ich Jody Picoults Buch dazu gelesen habe, kann ich Amokläufer_innen nachvollziehen.
    Mobbingerfahrung habe ich auch - aber nie in diesem krassen Ausmaß.

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  4. Wow. Ich hätte nicht gedacht, dass es jemanden gibt, der genauso denkt wie ich.

    Ich fühle mit Dir,
    ich hoffe, Du wirst nie mehr so leiden müssen.

    Liebe Grüße!

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  5. Ich wurde selbst in der Grundschule 2 Jahre lang von einem Lehrer gemobbt und weiß auch noch, wie stark einprägend sowas ist, wie schwer das im Alltag wiegt, dass man tatsächlich darüber verzweifeln und sehr stark leiden kann. Insofern habe ich Verständnis dafür, dass jemand in einer solchen Situation stark unter Druck ist.

    Verständnis habe ich dennoch nicht für so eine Tat und eine Situation in der man "Keinen Ausweg mehr sieht als sich selbst und alle zu töten." gibt es IMHO nicht. Verzweiflung kann noch so hoch schlagen, willkürliches Töten ist nicht gerechtfertigt. Genauso kann man auch einen Familienvater nicht verstehen, der in seiner Verzweiflung nicht nur sich selbst, sondern auch noch Frau und Kinder tötet. Den Ausweg finden ist schwer, aber es gibt immer einen. Und die Gewalt, die einem selbst angetan wurde ungefiltert an andere weitergeben macht diese Welt nicht besser.

    Trotzdem: Du hast recht, dass man nicht immer erstmal auf Videospiele oder Filme zeigen darf (was in letzter aber auch selten vorkam) und auch sollte man nicht von vornherein von mordlüsternen Monstern ausgehen, sondern die Ursachen herausfinden, damit drückt man sich nur um die Gesellschaftliche Debatte, die es eigentlich bräuchte.
    Und das Thema Mobbing in Schulen, gerade auch vonseiten der Lehrer, hätte längst angegangen werden müssen.

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    1. Das sehe ich ebenfalls so! Es muss unbedingt mit dem Thema öffentlicher und bewusster umgegangen werden und entsprechende Personen sensibilisiert und gegebenfalls entsprechend bestraft werden. Nicht zuletzt sind die Lehrer dafür verantwortlich - aber das sind leider auch nur Menschen, und das ist in diesem Kontext sehr negativ zu verstehen.

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    2. Für den letzten Amoklauf wurde aber Masseffect verantwortlich gemacht, immerhin hatte ein Nachnamensvetter es bei Facebook geliked!!!!

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  6. Ein wirklcih interessantes Thema. Dein Beitrag zeigt, dass du sehr von der Wertschätzung anderer abhängig bist - wie wahrscheinlich viele andere auch, ich schließe mich da übrigens nicht aus. Wenn man sich so fertig machen lässt, weil man gemobbt wird, hat man ein sehr geringes Selbstbewusstsein. Klar, gemobbt zu werden ist sicher nicht hilfreich, ein gesundes Selbstbewusstsein zu bekommen, andererseits gibt es auch Kinder, Frauen und Männer, die sich davon nicht unterkriegen lassen - kurz gesagt, sie scheißen einfach auf die Meinung anderer. Nunja, ich gehörte nicht dazu, wie wahrscheinlich 90% aller Mobbingopfer. Ich find die These auch interessant, dass man selbst dran schuld wäre, wenn man gemobbt wird. Es gibt bestimmte Typen von Menschen, die sich auf jeden Fall keinen Gefallen tun mit ihrem Verhalten, wenn sie gemobbt werden. Retrospektiv muss ich mir ganz ehrlich eingestehen, dass ich zwar nicht Schuld daran bin, mit meinem Verhalten das Mobbing aber auch ein wenig angestachelt habe. Aber wie soll man sich verhalten, wenn man nicht weiß, dass es andere, nicht oberflächliche Leute gibt, die sich nicht so beschissen verhalten? Eins habe ich gelernt - wenn man gemobbt wird, kann man daran zerbrechen - oder man wird sich irgendwann bewusst, dass es arme, bemitleidenswerte Leute sind, die wahrscheinlich noch weniger Selbstbewusstsein haben als man die gemobbte Person, und es ziemlich nötig haben, andere schlecht darzustellen und um selbst besser dazustehen. Was mir aber NIE ernsthaft in den Sinn gekommen ist, ist amokzulaufen. Wieso? Wieso soll ich mein Leben noch mehr versauen? Soll ich Leute umbringen, die eine Familie haben, die diese Personen lieben, seien sie noch so schäbig und widerwärtig und verabscheuenswert? Und vor allem - soll ich MICH umbringen, oder mein Leben in ner Psychatrie verbringen, wenn ich mich meinen niederen Rachegelüsten hingebe, für das einfache Gefühl "denen hab ichs jetzt gezeigt!". Nein. Denn genau mit diesem Gedanken richte ich mein Leben wieder nach den anderen aus. Natürlich wünsche ich diesen Personen nicht das Beste, aber eigentlich ist es mir egal. Solange ich nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Außerdem möchte ich damit nicht noch schlimmer als die werden, ich will sie irgendwann sehen und ihnen zeigen, dass es mir absolut gut geht, auch wenn mein Schulleben manchmal die Hölle war und ich mir manchmal wünschte, tot zu sein, und das, auch wenn sie sich nicht einmal mehr an mich erinnern. Ich schulde es mir, meiner Würde und meiner Integrität. Sie sind es einfach nicht wert.

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  7. Kann Dich voll und ganz verstehen. Ich war selbst in einer ziemlich ähnlichen Situation. Hätten wir eine Schusswaffe im Haus gehabt, hätte ich sie wahrscheinlich eines Tages mit in die Schule genommen.

    Rückblickend: Gut, dass ich es gelassen hab. So sehr ich diese Leute gehasst habe - die Befriedigung, sie sterben zu sehen wäre es nicht wert gewesen, mir auf ewig die Chance zu versauen, wieder an einen Punkt zu gelangen an dem ich mein Leben mochte.

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  8. Auch, wenn dieser Beitrag schon etwas länger her ist, möchte ich darauf antworten.

    Denn ich sehe das ganz genauso und stehe ebenso dazu. Seit letztem Jahr mache ich mein Fachabi nach. Ich habe damals nach der Realschule aufgehört, hatte null Selbstbewusstsein und wollte einfach weg von der Schule wegen der Schüler und Lehrer. Man ist vollkommen hilflos, wenn man Mobbingopfer ist. Lange hatte ich daran noch zu knabbern und auch heute bin ich noch längst nicht darüber hinweg. Ich verstehe die Beweggründe, weshalb jemand Amok läuft (wenn es aus diesem Grund ist).

    Ich bin dafür, dass viel offener mit diesem Thema umgegangen wird. Ständig wird die Schuld woanders gesucht. Ein neuer Amoklauf? Hm... ob der Amokläufer wohl wieder einen der Call of Duty- Teile gezockt hat? Denn da kann man ja schonmal "üben"... nnjah! Die Hemmschwelle sinkt, wenn man mit den eigenen Händen mithilfe eines Controllers andere Spieler abknallt! Buya!

    Bei "Günther Jauch" oder irgendeiner Talk-Sendung auf 'nem Hinterwäldlerkanal hab ich auch mal so 'ne Diskussionsrunde über dieses Thema verfolgt. Einer von der CDU war komplett dafür "Killerspiele" abzuschaffen, weil diese ja mit Schuld wären an solchen Szenarien. Ebenso auch Musik wie die von Rammstein. Augen auf also! Ich bin der nächste Amokläufer! ... Lustigerweise war jemand von der Piratenpartei dabei, der mir zwar eher unsympathisch war von der Art her, aber das, was er zu dem Thema beigetragen hat, war wirklich schön. Sein Statement zu dem, was der CDU-Heini sagte:" Der Amokläufer hat ja auch BROT gegessen ... OMG, alle die Brot essen, sind potenzielle Amokläufer!" Fand ich zu schön!

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