Freitag, 14. Dezember 2012

Warum Reclaimen? Warum ich die Worte "Fett" und "Dick" hasse

Reclaimen. Immer diese neumodischen englischen Fachbegriffe, die den Feminismus so unzugänglich machen. Reclaimen bedeutet: Zurückerobern. Es gibt allerdings auch ein deutsches Wort dafür, aber weil das keine Sau kennt und ziemlich doof klingt, nutzt das halt keiner. Moderne Zeiten. Geusenwort go home. In der Regel benutzen wir das Reclaiming, um uns Worte zurückzuerobern, die im Kontext als sehr negativ wahrgenommen werden und wurden und diese wieder positiv zu besetzen. Schillernstes Beispiel dafür ist das Wort "slut", welches mit Hilfe der Slutwalks zurückerobert werden sollte.

Das war ja jetzt eher so mittel erfolgreich. Viele Frauen hatten ein Problem mit dem Wort "Slut" und wollten es gar nicht reclaimen. Und wer könnte es ihnen verübeln? Slut, oder Schlampe, wurde jahrzehntelang mit Frauen in Verbindung gebracht, die ihre Sexualität genossen haben oder mehrere Partner hatten. Mittlerweile allerdings ist es ein Allzweck-Schimpfwort für Frauen, die man nicht leiden kann.

So ähnlich geht es mir mit den Worten "dick" und "fett". Sie sollen für die Körperakzeptanzbewegung (Himmel, wie blöd das auf deutsch klingt) reclaimt werden. Und für viele Frauen und andere Menschen scheint das super zu funktionieren: Es gibt einen Haufen Tumblr-Seiten, mit "fat" oder "thick" im Namen. Und das finde ich auch wirklich schön. Denn die meisten von uns besetzen furchtbare Erinnerungen mit diesen Wörtern. Ich auch. Aber ich kann nicht über meinen Schatten springen.

Ich zucke innerlich beim Klang von "Fett" immer zusammen. Bei "dick" genauso. Ich mag es nicht, mich als "Dickenaktivistin" zu bezeichnen. Aber irgendwie muss man das Kind ja beim Namen nennen. Was ich an mir selbst doof finde, ist mein blumiges "wie ich eben aussehe, du weisst schon", wenn's in Gesprächen um meine Körperform geht. Das verschleiert meine Körperform, und da gibts eigentlich nix zu verschleiern. Ich bin eben dick. Was auch doof ist: "Übergewichtig". Also im Sinne von "über dem heiligen Normalgewicht". Und Normalgewicht ist sowieso schon eine schwammige Angelegenheit. Ich bin doch normal und habe Gewicht, also habe ich Normalgewicht. Und bevor jetzt jemand den heiligen BMI auspackt: Der BMI sagt, wieviel ich im Vergleich zu meiner Körpergröße wiege. Nicht, wie gesund ich bin, oder wo sich mein Blutdruck befindet, oder wie es meinen Gelenken so geht. "Fett" ist für mich indiskutabel". Zuviel Schmerz, zuviel Beleidigung, zuviel Erinnerung an dieses Wort, welches jahrelang als Ausrede benutzt wurde, um mich zu verletzen ("Aber die ist doch fett, ist doch klar, dass wir die ärgern!").

Bleibt irgendwie nur noch dick übrig. Und damit mag ich mich auch nicht so recht anfreunden.


Kommentare:

  1. Also von Slut und Bitch halte ich auch nichts.
    Manche "coolen Girlz" nennen sich ja gegenseitig so und meinen es hinterfotzig/herzlich.

    Ich kann zwar nicht von "Dick" und "Fett" ausgehen, denn ich bin mehr als schlank, aber "dürr", "Gerippe" oder "strich in der Landschaft" kann ich aufzählen...
    Dabei habe ich doch relativ weibliche Rundungen, wieso muss man mich also so bezeichnen?
    Ich kann da ja nichts für, ist ja nicht so, dass ich nur 3 Käsewürfel am Tag esse...


    Um zurück zu kommen, eine beleibtere Freundin, sagt selber sie ist dick.
    Ich nenne sie dann lieber fülliger, beleibter oder eben wohlgeformt...
    Kräftiger ist schon eher ein maskulines Wort und das würde ich dann eher einer Kugelstoßerin zuordnen, als ausgeprägteren Rundungen.

    Könntest du dich denn mit solchen Worten anfreunden?

    Moppelig oder Mopsig finde ich ja ganz schlimm....

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  2. Dass der BMI keine Aussage über dick/nicht dick trifft ist klar. Trotzdem ist er ein gewisser Indikator, der drauf hindeutet, wann man die üblichen Probleme mit Bluthochdruck, Gelenken, etc. bekommt. Und daher kommt auch das Wort "Übergewicht", das ebenso wie "Untergewicht" aussagt, dass Gewicht im Verhältnis zu Körpergröße so ist, dass es nicht gerade gesund ist. Hat erstmal nichts mit Ästetik zu tun.
    Hab das selber schon gemerkt: Nachdem ich 5 kg abgenommen hatte war mein Blutdruck wieder viel stabiler (nichtsdestotrotz sind die Kilos alle wieder drauf und jeder einzelne durfte einen Freund mitbringen. ;))

    Dass man keine Leute auf "Fett" oder "Dick" reduzieren sollte ist auch klar, würde ich aber genereller sehen. Eine Generalisierung auf "Fett", "Hässlich", "Dumm", "[Politische Einstellung]", "Ausländer", "Nerd", "Schwul" etc. sollte man nach Möglichkeit vermeiden, auch wenn wir alle zugeben müssen, dass wir es täglich tun. Du selbst hast in deinen frühen Zeiten in diesem Blog sehr gerne auf "Dumm" generalisiert.
    Auch kommts mir manchmal so vor, als würdest vor allem du dich selbst manchmal auf deinen Körper reduzieren und davon ausgehen, dass die Außenwelt dir deswegen feindlich gegenüber steht. Da spielt sicher viel schlechte Erfahrung mit, aber nicht alle Leute sind so, dass sie jemanden wegen äußerer Merkmale anprangern oder schlechtreden wollen.

    Das Reclaimen von negativen Wörtern halte ich für Humbug, ebenso wie das Erfinden neuer Wörter. Was macht denn eine Familienmanagerin oder ein Facilitymanager anderes als eine Hausfrau oder ein Hausmeister, bzw. wieso ist ein Neger plötzlich nicht angegriffen, weil er "Stark pigmentiert" ist?

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  3. Ich finde, dass reclaiming eine tolle Sache ist. Es hilft nicht nur denen, auf die dieses Wort zutrifft, sondern auch allen anderen. Wenn ein Wort keinen negativen Beigeschmack mehr hat, ist es viel einfacher und angenehmer, sich in diese Richtung zu entwickeln. Egal, ob das nun "Schlampe" oder "dick" ist. Wenn das Wort erfolgreich zurückerobert ist, dann verschwindet auch der negative Blick der Gesellschaft darauf. Mehr Freiheit für alle, so zu leben, wie sie es wollen!

    @Dennis: Zum letzten Abzatz: Das N-Wort ist völlig daneben, weil dessen Geschichte eine der Gewalt und Unterdrückung ist und weil die gemeinten selbst beschlossen haben, dass es diskriminierend ist. Deshalb benutzt man es nicht. "Stark pigmentiert" ist auch Unsinn und wird seit Jahren nicht mehr benutzt. Ich finde es ziemlich daneben, dass N-Wort an Gewaltinhalt auf eine Linie mit Hausmeister und Hausfrau zu setzten. Familienmanagerin stammt aus der Werbung, ist also nichts offizielles. Habe den betreffenden Spot von Vorwerk gerade erst in einem Soziologieseminar analysiert und das Wort "Familienmanagerin" nur benutzt, um Haushaltsprodukte zu verkaufen.

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  4. Wie wärs mit "räumlich benachteiligt"?

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  5. "fett" und "dick" mag ich auch nicht, gerade weil ich aus der Privilegienecke bin, die gerade die andere Körperform haben.
    Gerade so als Beschimpfe, "oho wie fett ich doch geworden bin!", fällt mir immer wieder ein, wie das wohl für eine "wirklich" Betroffene sein muss?
    Eine meiner besten Freundin ist etwas mollig, aber ich kann sie mir auch garnicht anders vorstellen. Das wär dann nicht sie- wenn es überhaupt um Körperformen geht, denn ich mag am liebsten ihr Inneres. :-)

    Aber eigentlich gehts ja um Reclaimen (naja, klingt nicht besseer als Zurückerobern, da gefällts mir in Deutsch schon besser)- es ist halt eine Gratwanderung. Und ich denke, man kann schon in nem Gespräch nachfragen oder zumindest klären, wie die eigene Definition und Konnotation bezüglich dieser Worte ist.

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